Kein Job nach To Do-Listen: Die Familienpflegerinnen der Mitterfelder
Es ist ein warmer Frühlingstag, die Sonne scheint, und auf der Wiese vor dem gemütlichen Einfamilienhaus ein Stück weit hinten drin im Münchner Osten hängen zwei Frauen Babykleider zum Trocknen auf. Die eine, im blauen T-Shirt mit Mitterfelder-Logo drauf, ist Christine Leipelt, seit über 20 Jahren Familienpflegerin bei den Mitterfeldern. Die andere ist Simone, die es hier gerne bei ihrem Vornamen belassen möchte. Simone ist seit wenigen Wochen stolze, aber auch schwer beanspruchte Mama von Drillingen. Jetzt passt es gerade mit dem Wäscheaufhängen und mit dem Erzählen, weil die drei Kleinen nebeneinander gekuschelt schlafen.
Und erzählt wird, wie die junge Mutter anfangs dachte, „wozu brauche ich acht Stunden am Tag eine Familienpflegerin, da müssten doch vier auch reichen. Aber inzwischen denke ich, es könnten auch mehr Stunden sein. Ich habe mir am Anfang nicht ausmalen können, was da auf mich zukommt.“
Der Elternberatung der Klinik Rechts der Isar, einer Art Sozialer Dienst der Klinik, in der die Drei zur Welt kamen, war dagegen gleich klar, was da kommen würde: Drillinge bringen jede Familie an ihre Grenzen. Und, Hand aufs Herz, wer selber schon mal auch nur ein einzelnes Baby betreut hat, mag sich das mit drei kleinen Schreihälsen gar nicht so recht ausdenken. Und wenn sie noch so süß ausschauen, wie sie da so nebeneinander schlafen.
Das ist einfach entzückend. Aber wenn sie wach sind und Hunger haben, dann weiß man wirklich nicht mehr so genau, was man zuerst machen soll. So ging und so geht es auch Simone. Als Drillinge sind die Kleinen etwas zur früh zur Welt gekommen, weshalb die Verdauung auch noch nicht so recht eingespielt ist und die Kinder arg plagt. Wenn sie dann gleichzeitig weinen und jammern, geht das durch und durch. Eine sehr neue Erfahrung für die junge Mutter. „Erst gestern Abend haben sie wieder von sieben bis elf Uhr geschrien und waren einfach nicht zu beruhigen,“ erzählt Simone, in ihren Worten schwankend zwischen Glück und Erschöpfung.
Wie gut, dass dann in der Früh wer kommt, der hier schon viel Erfahrung hat und damit beruhigend auf die Situation einwirken kann. Christine Leipelt hat diese Erfahrung. Wenn sie in der Früh um acht kommt, werden erst mal die Kleinen begrüßt und dann gemeinsam mit der Mutter gefüttert und gewickelt. Die Kinder stehen immer im Vordergrund, danach kommt der Haushalt. Es geht ums Milch Abpumpen, um saubere Fläschchen, um die Reinigung der Pumpe und um viele Handgriffe mehr. Und es geht darum, die Mutter mal durchatmen zu lassen, die sich nachts alleine um die Säuglinge kümmert.
Wenn das dann erst mal alles erledigt ist, kommt der Tagesplan: Muss eine der Kleinen (oder zwei oder alle drei) zum Arzt? Wie teilen wir uns das auf, wer schaut nach wem? Und die Kinder brauchen tatsächlich häufig medizinische Betreuung, weil man sie als zu früh Geborene genau beobachten muss. Mama Simone hat schon kurz nach der Geburt wieder angefangen Auto zu fahren und überhaupt ist die „Schonfrist“ einer jungen Mutter bei Mehrlingsgeburten verdammt kurz. „Ich bin so froh, dass Frau Leipelt kommt,“ sagt die Mutter und fügt hinzu: „ich wüsste definitiv nicht, wie ich das alleine hinkriegen sollte.“ Der Vater der Kleinen ist jeden Tag auf der Arbeit und schafft das Geld heran. Der braucht also auch seinen Schlaf – erst am Wochenende haben die jungen Eltern die Gelegenheit, sich die Fürsorge um die kleinen Töchter aufzuteilen.
Wenn die Kleinen dann mal schlafen, bleibt Zeit für den Haushalt. Eine Waschmaschine voll pro Tag ist das Minimum. Simone sagt: „Ich war so romantisch und hab für alle drei immer das Gleiche zum Anziehen gekauft, damit sie alle gleich gekleidet sind. Funktioniert natürlich nicht, weil sich mindestens eine von den dreien immer vollkleckert,“ erzählt sie lachend und staunt über sich selbst, wie geschmeidig sie sich während der Schwangerschaft die Zeit nach der Geburt ausgemalt hatte. Verliebt schaut sie ihre drei Kleinen an.
Bei so vielem Ungewohnten und Neuem ist es von unschätzbarem Wert, wenn jemand verlässlich kommt, der Erfahrung und emotionale Stabilität in diese neue Situation bringt. Christine Leipelt ist so eine Frau, die das schafft. Seit 26 Jahren übt sie diesen Beruf aus. Es ist kein Job, es ist eher eine Berufung: „Man muss Menschen mögen und mehr noch Kinder,“ sagt sie. Sie stammt aus einem kleinen Ort im Chiemgau und hat in ihrer Herkunftsfamilie und in der dörflichen Nachbarschaft schon früh gelernt mit anzupacken und ihren Blick dafür zu schärfen, was es jetzt als Nächstes braucht.
Sie hat die Hauswirtschaftsschule absolviert und sich dabei auf die Unterstützung von Familien fokussiert. Alternative wäre das Berufsbild der „Dorfhelferin“ gewesen, das mehr in die Landwirtschaft geht. Fr. Leipelt ging den Weg Richtung „Familienpflege“. Vor mittlerweile 26 Jahren hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen, übrigens damals schon bei der „Fachschule für Familienpflege“ der Mitterfelder. Diese Fachschule gibt es inzwischen leider nicht mehr, weil der Ausbildungsgang zwei weitere Jahre in Anspruch genommen hat – und das ohne Bezahlung. Mit dem Ergebnis, dass es zu wenig Interessentinnen für diese Ausbildung gab.
So stehen die Mitterfelder (und auch andere Organisationen) vor dem Problem, dass man dringend Fachkräfte braucht, deren Ausbildungsweg heute nicht mehr gegeben ist. Gabriele Holst leitet den Bereich „Familienpflege“ und erklärt, dass man sich inzwischen bei verwandten Berufen um neue Kolleginnen bemüht, z.B. staatlich anerkannte Erzieherinnen, staatlich anerkannte Heilerziehungspfleger, Sozialpädagogen und ähnliche Beruf mit Abschlüssen in einer sozialpädagogischen Ausbildung.
Das Arbeitsfeld der Familienpflegerinnen ist groß: Sie müssen sich mit der Säuglingspflege genauso gut auskennen wie mit den Herausforderungen, die pubertierende Kinder an ihre Umwelt stellen. Kindergartenbesuche, Hausaufgabenbetreuung, Behördengänge, manchmal auch Unterstützung, wenn es um die Strukturierung eines Haushalts geht. Und manchmal auch Mitarbeit im Haushalt, wie aktuell zum Beispiel in unserer Münchner Drillingsfamilie.
Man merkt Fr. Leipelt an, dass sie ihre Arbeit mag. Und die junge Mutter Simone meint anerkennend: „Ich bin ja gelernte Rechtsanwaltsgehilfin und kann eigentlich drauf warten, dass mein Job in nicht allzu ferner Zukunft von der KI übernommen wird. Dann stehe ich da. Was Fr. Leipelt macht, kann keine KI, das wird es auch noch in fünfzig Jahren brauchen.“
Ein Beruf, der gebraucht wird und bei dem sich die Sinnfrage definitiv nicht stellt. Und wie viele Kolleginnen und Kollegen von den Mitterfeldern sagt auch Fr. Leipelt: Es ist eine erfüllende Arbeit, denn man gibt viel und bekommt auch viel zurück.
Auch wenn man manchmal gar nicht weiß, was man bei drei schreienden Babys zuerst machen soll, gilt auch hier das Motto der Mitterfelder: „Wir pflegen Lebensfreude.“
Mittlerweile ist der morgendliche Arztbesuch mit einer der drei Kleinen erledigt, die drei kleinen Prinzessinnen schlafen friedlich nebeneinander und die Wäsche hängt draußen in der Sonne zum Trocknen. Zeit und Gelegenheit zum Durchschnaufen und für eine Tasse Kaffee. Es wird eh nicht lange dauern, bis es wieder turbulent wird im Alltag der Drillinge.