Vom Verborgenen ins Miteinander
Er hat eine lange Zeit ziemlich im Verborgenen gelebt, denn das Leben hat es nicht immer gut mit ihm gemeint. Aber jetzt geht er, dank der „Mitterfelder“, wieder unter die Leute und er tut das gerne: Hans Joachim Bracke aus dem Münchner Stadtteil Laim-Pasing ist mit seinen 85 Jahren wieder ein umtriebiger und geselliger Mensch geworden. Er ist von einem Menschenschlag, der weit verbreitet ist hier im Quartier. Wie viele andere Menschen hier stammt er aus einfachen Verhältnissen, wenn er davon erzählt, beginnt die Geschichte so:
„Zu mir gekommen bin ich zum ersten Mal in Kalzhofen bei Oberstaufen, wo ich mich in einem Kinderheim der Franziskanerinnen wiederfand. Dort setzen meine ersten Erinnerungen an mein Leben ein.“
Man kann es googeln, es gibt auch heute noch ein „Heilpädagogisches Kinderheim St. Maria in Kalzhofen“, für „Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zuhause leben können.“
Welches diese Gründe damals waren, bleibt bei der Geschichte von Hans Joachim Bracke unerwähnt, aber er erzählt davon, dass sich eine Schwester mit dem Namen Gottraud seiner angenommen hat: „Die war immer sehr nett zu mir, daran kann ich mich gut erinnern. Die hatten dort alles Mögliche, vor allem an eine Gärtnerei und an eine Nähstube.
Später kamen dann die Schulräume hinzu, deren Bänke er acht Jahre lang gedrückt hat. „Was mir da noch einfällt: ich war kein schlechter Schüler und die Schwestern haben mich gefördert und ich glaube auch, dass sie mich gemocht haben. Die wollten, dass ich mal aufs Priesterseminar gehe,“ erzählt er und rezitiert auch gleich ein paar Gebete auf Lateinisch, die ihm seit jener fernen Zeit fest im Gedächtnis geblieben sind. „Aber,“ so schränkt er ein, „die Energie hat wohl doch nicht so ganz gereicht für diesen Weg.“
Und doch hat er dann etwas gemacht, was mit Glauben und Religion zu tun hatte: Im Heim war ab und zu ein junger Mann zu Gast, der an der Kirchendecke gemalt hat. Mit dem kam er ins Gespräch und bald durfte er den Kirchenmaler bei seiner Arbeit im Gotteshaus unterstützen. Das sah alles nach einem ziemlich guten Weg aus.
Aber es kam anders. „Der Max, wie er hieß, sah bald ziemlich krank aus und wir verstanden uns so gut, dass ich ihn direkt darauf angesprochen habe: ‚Max, Dir scheint was zu fehlen, was ist los?‘ ‚Ach nix weiter, das wird schon wieder‘ war die Antwort vom Max. Es wurde nicht wieder. Max hatte Magenkrebs und starb mit 36.
„Was für ein Mensch war da gegangen,“ erzählt Herr Bracke, „ich habe noch nie so um einen Menschen getrauert wie um Max. Der war einer, der überhaupt nicht grantig oder unfreundlich sein konnte. Sowas musst du im Leben erst einmal finden. Ich habe seither nie wieder einen solchen Menschen gefunden.“
Nicht nur ein geliebter Mensch war aus dem Leben verschwunden, auch der eingeschlagene Berufsweg kam hier – zumindest in dieser Form – vorschnell an sein Ende.
„Und so wurde ich halt ein Maler wie viele anderen Maler auch,“ beschreibt er. Seine erste Station war ein Vorort von Kempten, nämlich Kempten-Hegge, was lange Jahre die wichtige Bahnstation für Kempten gewesen war. Allerdings gab es in der Region damals nicht so viel Arbeit und so machte sich der junge Geselle auf den Weg ins damals noch weit entfernte München – wo er seither lebt.
Ein Ergebnis davon ist, dass er zwar den Münchner Dialekt angenommen hat, man aber immer noch deutlich den Allgäuer Einschlag aus ihm heraushört.
In München hat er bei verschiedenen Firmen gearbeitet, er erinnert sich an eine davon im Lehel – und dann senkt sich sein Blick und er sagt: „Da gab es dann was, was man nicht so gerne erzählt: Ich habe angefangen zu trinken und bin irgendwann auf der Straße gelandet. Es hat ja doch keinen Sinn, das untern Tisch zu kehren, es ist nun mal Teil meines Lebens. Da war man natürlich nicht in bester Gesellschaft, die meisten waren Alkoholiker.“
Er hat sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, oftmals als eine Art Tagelöhner im Großmarkt und leider auch ohne Kranken- oder Sozialversicherung.
Wie er die Kurve gekriegt hat, behält er für sich, aber er zeigt mit der Hand auf eines der benachbarten Hochhäuser im Quartier der „Mitterfelder“: „Da bin ich jetzt zuhause.“
Und dann erzählt er, wie er wieder unter die Leute gekommen ist: „Die Frau Thurner von den Mitterfeldern ist auf mich aufmerksam geworden und hat sich sehr um mich bemüht. Sie hat viel für mich gemanagt. Und deshalb gehe ich seit vier oder fünf Jahren bei den Mitterfeldern ein und aus.“
Und dann kommt ein Thema, bei dem man Hans Bracke förmlich ansehen kann, wie es ihn aufrichtet: Das Singen. Er singt für sein Leben gern, und er erzählt, dass er dafür auch sehr bekannt sei im Viertel.
„Ich sag’s wie’s ist: Was will man noch als alter Dackel? Aber ich freue mich, dass ich hier ein Stück weit dazu gehöre.“
Was ihm in letzter Zeit zu schaffen macht, ist seine Beobachtung, dass sein Gedächtnis langsam nachlässt. Die Gebete und die Verse aus seiner Kindheit kommen prompt aus der Tiefe seiner Erinnerungen, aber wenn es aktuell um Namen von Leute geht, die er kennenlernt, dann bereitet ihm das einigen Kummer. „Manchmal ist das wie ein Filmriss, von einem Augenblick auf den anderen setzt es aus. Wenn ich jetzt spontan sagen soll, welches mein Lieblingslied ist, fällt es mir nicht ein. Aber wenn ich daheim nur mein Liederbuch in der Hand halte, habe ich sofort einen Vorrat von 25 Liedern.“
Also Test: wie wäre es mit „Kein schöner Land?“ Ja, ein wunderbares Lied, und sofort singt Hans Bracke los. Man sieht, wie er sich innerlich aufrichtet, wie sein Gesicht zu leuchten anfängt. Seine Arme bewegen sich im Takt des Lieds, als wäre er sein eigener Dirigent.
Musik – sein Thema. Er schwärmt von Peter Alexander und Freddy Quinn, und ja, dieses Lied oder jenes, so zählt er die Stücke seines Lebens auf wie Perlen an der Schnur. „In Sendling gab es mal eine Kneipe mit Musikbox, da haben wir unser ganzes Geld für Peter Alexander reingeschmissen.“ Womöglich meint er „die kleine Kneipe am Ende der Straße“ einer von Alexanders großen Hits. „Der hatte wirklich alles, was man als Entertainer braucht,“ schwelgt Hans Bracke.
Oft kommt ihm der Satz „Das war eine schöne Zeit“. Da scheint er auch darüber hinweggehen zu können, dass er wahrhaftig nicht nur schöne Zeiten hatte, als Quinn und Alexander in den Charts waren.
Und obwohl er da nostalgisch wird und obwohl ihm das eigene Gedächtnis inzwischen das Leben schwer macht, lebt er im Jetzt. Er tut das, was die jungen Leute heute so hören, nicht einfach ab, er kennt sogar Begriffe wie „Hiphop“ oder „Rap“. „Das ist bestimmt toll für die jungen Leute heute, aber meins ist es halt nicht,“ sagt er.
Ganz im „Jetzt“ ist auch sein Programm bei den Mitterfeldern: Montag der Kaffeeklatsch, Dienstag ist das Treffen für den Gesang in der Ruppertstraße unter der Leitung des Musikpädagogen Philip Lipsky. Im Häkel- und Strickzirkel ist er jetzt nicht so präsent, „nicht so ganz mein Metier“, sagt er lächelnd.
Aber oft sind Filmvorführungen, und ab und zu ist er beim Yoga dabei, weil das, wie er sagt, seinem maladen Kreuz gut tue.
Immer wieder betont er, wie schön es ist, dass die Mitterfelder ihn da so reingeholt haben. „Manchmal ärgert man sich schon fast, wenn Termine mit so schönen Themen kollidieren und man nur zu einem hingehen kann.“
Na also. Obwohl er es im Leben nicht immer leicht hatte, verfolgt er das Motto der Mitterfelder und nimmt aktiv daran teil. Also, er pflegt Lebensfreude. Und er mag Menschen, die freundlich sind und zugewandt. Mit 85 könne ihm ja schon ziemlich wurscht sein, wer in München Oberbürgermeister wird, aber er habe neulich den Krause gewählt, „weil der mich auf jedem Plakat, wo ich ihn gesehen habe, freundlich angelächelt hat.“ So geht es wohl einem, der lernen musste, dass ein Lächeln im Leben nicht immer eine Selbstverständlichkeit ist.